GRÜN-GOLD Meldung von Dr. Franz-Peter und Dr Cornelia Schwindling vom 19.05.2003 (PM6/2003)

Zwei Saarländer im Mekka des Tanzsports

Ein Turnierbericht vom ersten Tag des 78. Blackpool Dance Festival 2003

Wenn schon, denn schon! Das dachten sich die zwei Merziger Tanzsportler Dr. Cornelia und Dr. Franz-Peter Schwindling von der TG Grün-Gold in Saarbrücken, als sie ihre Auslandsstartgenehmigung für das Tanzsportereignis des Jahres 2003 einholten: das Blackpool Dance Festival 2003. Ergebnis: Runde der besten 54 (26.-54.) von 160 Paaren. Hier ihr Bericht:

Nachdem wir erst Ende März in die Senioren I S Klasse aufgestiegen waren, uns aber im Weltranglistenturnier in Chiasso bis ins Viertelfinale getanzt hatten, hatten wir genug Selbstbewusstsein, uns mit den Besten der Welt in der Altersklasse über 35 Jahre zu messen. Von unseren Trainern in Köln, Sankt Augustin und Saarbrücken gut vorbereitet und mit den besten Ratschlägen versehen („das ist ein Macho-Tanz, die Augen müssen aus der Brille rauskommen“, „bring den Nabel über den großen Zeh´“, „so bewegen Sie sich doch mal“, „schließen Sie endlich die Finger der rechten Hand“, „die Mitte muss gehen“), ging´s am Donnerstag von Merzig per Auto nach Brüssel Süd Charleroi, von wo aus wir pünktlich mit Ryanairs Billig-Boeing nach Liverpool starteten.
An Bord schon ein wenig Blackpool-feeling: die Latein-Profis aus Benelux waren ebenso dabei, wie die hoch gesetzten Seniorenpaare Lukawczyk-Klein und Voorn. Von Liverpool aus verzichteten wir auf einen Mietshuttle, den wir wegen seiner mitunter langen Wartezeiten von TraLí in Irland in wenig guter Erinnerung hatten, und nahmen statt dessen den Expressbus 500 vom John-Lennon-Airport zum Liverpooler Stadtbahnhof Lime-Street. Für die Strecke benötigt er gut 30 Minuten und kostet 3 €.
Mit der Bahn konnten wir dann nonstop in 1,5 Stunden Blackpool so gegen 19 Uhr erreichen. Eins der berühmten britischen Hochhut-Taxis brachte uns in unser Hotel, das Clifton am Talbot Square, nur 7 Minuten vom Turniergeschehen entfernt. Dass die Hotels in England ihren eigenen Flair haben, wussten wir ja schon von unseren Trainingsaufenthalten in London und Guildford: Sie sind wunderschön, altehrwürdig, viktorianisch, schmutzig, teuer, kalt und selten mit irgendeiner sinnvollen Wasserversorgung versehen.
Das Clifton war noch eher eins der guten, und so nahmen wir gerne hin, entweder zu frieren oder unter schweren Decken zu ersticken, auf die Klospülung fast ganz zu verzichten, das Wasser im Rinnsal aus der Dusche zu quetschen und morgens beim Frühstück von englischen Halbstarken die Ohren zugegrölt zu bekommen. Aber dafür waren wir ja auch in Blackpool und nicht irgendwo sonst auf der Welt. Abends machten wir einen kleinen Erkundungsgang zu Winter Gardens, aßen in der Pizzeria gegenüber zu Abend, wo wir zufälligerweise Heinz-Josef und Aurelia Bickers trafen, die uns noch ein paar gute Tipps zum Turnierablauf gaben.

Freitags morgens um 10 Uhr war dann Eintanzen im Empress Ballroom im Winter Gardens, Practise genannt. Als DJ fungierte Mr. Greg DeWet. Practise bedeutet, dass sich 150 Paare = 300 Menschen auf einer Fläche von 13 x 36 m = 468 m² tummeln . Das sind etwa 3 m² pro Paar, und so war auch der erste Eindruck: deutlich erhöhte Körperspannung mit empfindlich gestörtem Harmoniegefühl unter den Eintanzenden.
Zum Glück wurde im Verlauf der einstündigen Veranstaltung die Masse erst halbiert und dann gedrittelt. Und was einen ganz versöhnt ist ein Parkett, auf dem man nicht tanzt, sondern gleitet, das aber immer griffig ist, wenn man es braucht. Und das zu einer Musik vom Empress Ballroom Orchestra, zwar von der Konserve, aber mit einem Sound, der uns ans Herz rührt. Um 11 Uhr war dieser Akt gelaufen, und alle gingen mit mehr oder weniger gelöster Gesichtsmimik ihrer Wege, wir erst mal auf die begleitende Tanzbedarfausstellung, wo Conni einen Trainingsrock von Chrisanne erstand. Wobei das Einkaufen deutlich kürzer ausfiel als das Ausstellen der Quittung, die man benötigt, um sich die Mehrwertsteuer am Flughafen rückerstatten zu lassen.
So eine Shoppingtour erlöst einen jedoch von den quälenden Alltagsproblemen des Tänzers bezüglich Choreografie und partnering, die einem die letzte Stunde wieder unsanft vor Augen geführt hat. Um dieses Erfolgserlebnis noch zu toppen, mussten schnell noch die Kohlenhydratspeicher mit Pasta gefüllt werden: was für Luca Baricchi gut ist, kann uns nur recht sein! Also rein in die Pizzeria, Pasta basta, raus und ab ins Hotel, rein in die Schminke: Spiegel umhängen, Zimmer umarrangieren, damit man wenigstens ein Minimum an Licht hat – weil viktorianisch immer auch dunkel bedeutet - und Conni am besten alleine lassen, dann gibt es kaum noch Probleme.

Um 15.50 am Freitag war es dann soweit: die Vorrunde im Seniorenturnier in Blackpool 2003 beginnt, genannt British Senior (over 35´s) Modern Championship 2003. Ermittelt wird diesmal aus 160 Paaren aus aller Welt der Blackpool Sieger - und alle Welt bedeutet auch wirklich alle Welt: Europa sowieso inklusive Russland, Japan, Kanada, Südafrika, Korea, USA, Hong Kong, Singapur und China. Mrs Gillian Mackenzie eröffnet und gibt weiter an Mr. Peter Maxwell, der jetzt im zweiten Jahr nach Mr. Bill Irvines Rückzug das Turnier leitet.
Für die erste Runde gibt es noch kein Live-Orchester, aber Live-Wertungsrichter, und die vom Feinsten, was England aufzubieten hat. Neun Richter für die Tagesveranstaltung und elf für die Abendveranstaltungen. Unsere erste Runde am Nachmittag mussten über sich ergehen lassen: Bryan Allen (kennt jeder von den Blackpool-Video-Kommentaren), Cheryl Dobinson, Peter Eggleton (genannt Uncle Pete), Geoffrey Hearn (kennt jeder von den Hilton-Videos), Stephen Hillier, Richard Porter, Adele Preston-Tanaka, Linda Venables und Denise Weavers. Wir tanzen in Gruppe 3 (heat 3) von insgesamt sieben und kamen auch irgendwie über die Runden, nur im Slow Foxtrot konnten wir nicht das zeigen, was wir gerne wollten. Durchatmen, Warten.
In der Zwischenzeit toben die Rising Star Profis Latein. Es ist 17 Uhr. Horst Neumann meint, drei Tänze seien gut gewesen, das müsste eigentlich reichen für die nächste Runde – eigentlich. Diese sollte um 18.35 Uhr beginnen, mit neuen Wertungsrichtern und Live-Musik, dem berühmten Empress Ballroom Orchestra, seit diesem Jahr unter professioneller Leitung von Ashley Frohlick, nachdem 2002 Irvine Tidswell in Ruhestand gegangen ist. Ich frage mich gelegentlich, wo ich erfahre, wer eine Runde weiter ist: kein Aushang weit und breit zu sehen. Und tatsächlich, die Engländer wissen, wie man einen Spannungsbogen erzeugt: Wer weiter tanzen darf, erfährt man zu Beginn der nächsten Runde und nicht früher. Also warten bis 18.30 Uhr, Frack anziehen, und auf die Ansage warten: .... fifty, Durchatmen, das war unsere Nummer, die runde 50 hat es in die erste Zwischenrunde geschafft und damit haben wir 60 Paare geschlagen.
Aber zum Freuen ist kaum Zeit, denn die erste Gruppe tanzt schon und wir sind in heat 2. Die Liste der Abend-Wertungsrichter liest sich wie ein who-is-who des Tanzsports: George Coad, Alan Fletcher, Richard Gleave, Barbara Grover, Karen Hardy, Lynn Harman, Anthony Hurley, Bobbie Irvine, MBE, Joan Knight, Sammy Stopford und Kenny Welsh. Da lässt sich´s gut tanzen, also auf, und das Beste zeigen, was man zu bieten hat. Dass man es doch besser kann, als in der Vorrunde.
Und es läuft ganz gut, wir freuen uns, dass wir hier tanzen dürfen unter den Augen von Siegern und Profi-Weltmeistern, für die die erste Reihe reserviert ist: Doreen Freeman, Stephen Hillier, Oliver Wessel-Therhorn, Bill Irvine MBE, Karen und Marcus Hilton MBE, Augusto Schiavo und und und..... Ich erkenne keinen mehr, das Orchester lässt uns auf Wolke Nummer sieben weiter schweben, der throwaway-oversway kommt: ich denke an Christa Fenns „da geht aber noch mehr“ und „raus über die Filtertüte“.
Der Quick ist vorbei, alles ist im Rausch, aus, es ist 19.25 Uhr. Im Umkleideraum hinter der Bühne warten alle, Füße hoch, Füße runter, Frack an, Frack aus, Dehnen, Strecken, Dösen, Profis Latein zwischen Senioren Standard, Schweiß, Getränke, Handtücher. Für uns ist das Turnier gelaufen, und wir sind nicht unzufrieden. Wir konnten unsere Choreografie zeigen, die Fläche von 36 m Länge voll ausnutzen und unbeschwert auftanzen. Trotzdem ziehen wir uns noch nicht um, sondern wollen das Ergebnis abwarten, aber das gibt´s erst zu Beginn der dritten Runde und die ist um 20.40 Uhr. Also wieder Warteschleife, man kennt das schon.
Und weil man in England ist und die Contenance gehalten sein will: um 20.35 Frack an, nach draußen, aber nicht im Gang stehen, sonst wird Peter Maxwell böse, und hören, wer ein drittes Mal tanzen darf: ......50 .... da ist sie wieder, es ist nicht zu glauben, haben wir uns verhört?, nein, es war number fifty! Vor weniger als drei Jahren haben wir unser erstes D-Turnier getanzt, und heute, 23.5.2003, stehen wir in der Runde der besten 54 in Blackpool– und dürfen noch einmal tanzen. Das ist unser persönliches Finale, über 100 Paare haben wir hinter uns gelassen, und Ashley Frohlick spielt auf, sein Name ist Programm, das Orchester tost, der Boden vibriert, die Knie gehen vor, der Waltz beginnt .... um 21.10 ist der Quick getanzt, warum ist es schon zu Ende?

Bleibt noch zu erzählen, dass in der 24er Runde noch vier deutsche Paare tanzten: Kitzerow, Bickers, Ketturkat und Schüller-Jungels, wovon die drei letzten auch noch das Semifinale erreichten. Das Finale war dann deutschfrei, denn leider haben Lindners und Schmitt-Jonas nicht getanzt. Die drei letzten Runden konnten wir von unseren reservierten Plätzen B9 und B10 in der zweiten Reihe aus erleben: Lukawczyk-Klein aus Belgien als Sieger, Millward aus England als Zweite und Bodini-Benedetti aus Italien als Dritte. Und alles verdeckt gewertet. Das war das mit dem Spannungsbogen: dringend zur Nachahmung zu empfehlen. Dann schafft es auch ein Belgier einen Engländer in Blackpool zu schlagen, wenn auch nur im Skating. Um Viertel nach Mitternacht war dann der erste Tag des Festivals geschafft. Nur wir nicht: voller Adrenalin und den Kopf mit Rhythmen vollgepumpt fallen wir ins Hotel - und können nicht schlafen. Hätten Sie etwas anderes erwartet? Dafür lässt Franz-Peter sein Bordcase auf dem Hotelkorridor stehen, und am nächsten Morgen ist es verschwunden. Glücklicherweise hat der Nachtportier es an sich genommen. Er weiß wohl, dass seine Hotelgäste nach solch einem Tag nicht mehr zurechnungsfähig sind.

Was bleibt noch zu sagen?
Blackpool hat seine eigene Atmosphäre, das ist unbestreitbar, das Gebäude der Winter Gardens, der Raum, der Kitsch, die Beleuchtung, die Fläche. Vielgepriesen, aber man kann auch sterben, ohne es gesehen zu haben. Aber nirgendwo tanzt es sich so gut: ein herrliches Parkett, ein mitreißendes Orchester, ein unverwechselbarer Sound, echte Profis als Wertungsrichter und Weltmeister als Zuschauer. Gibt es das noch irgendwo?

Genauso unbegreiflich die englische Pünktlichkeit. Da scheucht Peter Maxwell an diesem Tag insgesamt 430 Paare – in Worten vierhundertdreißig - über die Tanzfläche, wobei das Finale bei den Senioren auf 23.44 Uhr festgelegt ist. Wir denken, das erreicht der nie, wir kennen das ja aus good old Germany. Wenn sich hier mal fünf Paare mehr anmelden, verzögert sich das nächste Turnier um eine Stunde. Denkste! Das Finale Senior Modern ist um 23.44, und das heißt auch 23.44 Uhr und nicht eine Minute später. Das muss einer einmal nachmachen.

Ach ja die Kleider: Tendenz schleierhaft! Will heißen: man sieht viele zarte Pastellfarben und duftig –flatternde Stoffe, die die Damen umschleiern. Und die Frisuren? Neben den klassischen Hochsteckfrisuren sind in der Endrunde die beiden Italienerinnen in wasserstoffblonden Kurzhaarfrisuren mit exakten, geradlinigen Konturen aufgefallen. Nicht übel, Raumpatrouille Orion lässt grüßen.

Eins nur haben wir nicht verstanden: Wo, bitte, waren die Senioren beim Seniorenturnier? Das Niveau ist inzwischen derart gestiegen und die Teilnehmer der letzten Runden sehen derart jung aus und tanzen derart gut, dass man nur noch schwerlich von „seniors“ reden kann. Dazu folgende Episode: Den Sieger hat Peter Maxwell sogar antreten lassen (natürlich „backstage“), um sich seinen Ausweis zeigen zu lassen, weil er nicht glauben wollte, dass er über 35 Jahre alt ist. Es wird Zeit, die Senioren I in Hauptgruppe III oder Ü35 umzutaufen. Senioren klingt immer noch nach betreutem Wohnen im Hospiz, und das kann man den 160 gestarteten Paaren sicher nicht nachsagen.

Am Samstag um 11 ging´s dann wieder zum Bahnhof, um 21.30 sind wir nach gut 10 Stunden in Merzig. Vorher musste Conni noch beim Sicherheitscheck am Flughafen in Liverpool entwaffnet werden: drei Pinzetten wurden in ihrem Bordcase entdeckt und konfisziert, akute Terrorgefahr: she was not amused. Wir sind übermüdet, fühlen uns wie nach einer Entziehungskur, der Kopf ist mit Eindrücken zum Bersten gefüllt, aber es fühlt sich gut an. Wir glauben, dass wir die englischen Hotels schon ein wenig vermissen werden. Gut, dass es ein Blackpool Festival 2004 gibt.

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